Schönheit liegt im Auge des Betrachters!

Veröffentlicht auf von ragusaa2000


Meine Nase war zu groß! Viel zu groß. Immer , wenn ich in den Spiegel schaute, hatte ich das Gefühl, ich müsste ihr einen Namen geben. Genau genommen hatte ich keine Nase, sondern die Nase hatte mich. Und sie wuchs immer weiter. Vielleicht hatte ich sogar ein hübsches Gesicht, aber das konnte ich nicht beurteilen, denn ich sah immer nur eine riesige Nase.

Früher hatte ich mal Freunde aber das ist lange her. Ich hatte damals gedacht, ich könnte mit meinen Freunden über meine Problemnase reden aber sie schauten mich immer nur so komisch an und behaupteten, mit meinem Gesicht wäre alles in schönster Ordnung. Als ob ich blöd wäre! Ich war mir ganz sicher, dass sie hinter meinem Rücken über mich und mein groteskes Aussehen lachten Darum habe ich längst alle Kontakte abgebrochen.

Sogar die Schönheitschirurgen haben sich gegen mich verschworen. Ich habe versucht, mich operieren zu lassen aber alle sagten, sie fänden meine Nase sehr schön und sie würden nichts daran verändern. Ich habe aber schon gemerkt, dass sie nur ihre Unfähigkeit verbergen wollten und Angst davor hatten, eine so große Operation durchzuführen.

Neulich habe ich aber einen Arzt gefunden, der sehr verständnisvoll war. Ich konnte gar nicht verstehen, dass der so einen schlechten Ruf hat. Seine Praxis sah zwar ein bisschen altmodisch und schlampig aus und er hatte keine Sprechstundenhilfe aber er war der einzige Mensch, der mein Problem verstand und er versprach mir, dass er mir helfen würde. Allerdings nur gegen Vorkasse. Natürlich bezahlte ich sofort und ich durfte auch gleich ins Operationszimmer. Dort gab er mir eine kleine Narkose. Ich schlief ein und träumte von einem wunderschönen Gesicht – meinem Gesicht!

Irgendwann wachte ich wieder auf und griff sofort nach meinem Gesicht. Die Nase war verbunden und ich hatte keine Schmerzen. Nach ein paar Minuten öffnete sich die Tür und mein Arzt kam lächelnd herein. Dieses Lächeln ließ mich hoffen! Es schien alles gut gegangen zu sein.

Der Arzt kam zu meinem Bett und erklärte mir, dass die Operation sehr gut verlaufen wäre. Meine Nase sei jetzt wunderschön, ja geradezu perfekt, und es wären nicht einmal Narben zu sehen. Dann schickte er mich nach Hause. Ich sollte den Verband drei Tage dran lassen.

Es waren drei sehr lange Tage aber ich habe durchgehalten und vorhin war der große Moment. Ich war darauf gefasst, unter dem Verband eine geschwollene Nase anzutreffen, denn so eine Operation geht ja nicht spurlos an einem vorbei.. Der Blick in den Spiegel erforderte viel Mut aber ich wagte es. Und ich sah eine wirklich perfekte Nase – keine Schwellung, keine Narben, keine Blutergüsse! Ein Wunder?

Sofort machte ich mich auf den Weg zu meiner Schwester. Ich wollte ihr mein neues Gesicht zeigen und ein bisschen feiern. Ich klingelte und sie öffnete die Tür. Erwartungsvoll sah ich sie an aber sie begrüßte mich nur ganz normal und sagte nichts über meine Nase! Überhaupt nichts!. Erstaunt fragte ich sie, ob ihr an mir nichts auffiele. Sie sah mich von oben bis unten an und fragte mich, ob ich vielleicht einen neuen Pulli hätte!

„Sieh doch nur, meine Nase!“ Rief ich ungeduldig aus. Verständnisloses Kopfschütteln war alles, was ich erntete. „Fängt das schon wieder an“ seufzte sie. Begreif doch endlich, mit Deiner Nase ist alles in schönster Ordnung! Ratlos drehte ich mich um und ging nach Hause.

Veröffentlicht in (All-)tägliches

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Sprechakt 06/07/2008 22:49

Eine schöne Geschichte! Das Mädel wurde zu ihrem Besten sozusagen "an der Nase herumgeführt" ...

ragusaa2000 06/08/2008 11:51


Ja - es ist ganz schlimm, wie mit der Eitelkeit der Leute Kohle gescheffelt wird und wie leicht sie zu manipulieren sind